Das CODIT-Modell - Wie sich Bäume gegen holzzerstörende Pilze wehren

von Dirk Binnewies, 04.10.2018

Heute kaum mehr vorstellbar: Bis Anfang der 1990er Jahre wurde unter dem Begriff „Baumchirurgie“ viel Geld mit unsinnigen Baumpflegemaßnahmen verdient. Großflächiges Ausschaben von mit holzzerstörenden Pilzen befallenen Holzstrukturen sowie das Auftragen von Wundverschlussmitteln waren an der Tagesordnung.  

Man wusste es nicht besser, bis die Erkenntnisse des amerikanischen Forstwissenschaftlers Alex Shigo diesem Unfug ein Ende bereitete. In jahrzehntelanger Forschungsarbeit für den US Forest Service konnte Shigo (1930-2006) nachweisen, dass die Wundreaktion bei Bäumen gänzlich anders als bei Menschen oder Tieren abläuft.  

Sein CODIT-Modell beschreibt eindrücklich wie sich Bäume nach Verletzungen gegen Fäuleerreger (Pilze) aktiv abschotten um letztlich dem Pathogen den lebensnotwendigen Sauerstoff zu entziehen. CODIT steht für Compartmentalization Of Damage In Trees = Abschottung von Fäulnis (Schäden) in Bäumen. Vereinfacht ausgedrückt versucht der Baum durch die Einlagerung von Gerb- und Korkstoffe oder Gummistoffe innerhalb einer Reaktionszone die Ausbreitung eines Erregers in axialer Richtung (Wand 1), radialer Richtung (Wand 2) und seitlich entlang der Holzstrahlen (Wand 3) so lange zu verzögern, bis die Sperrzone (Wand 4), gebildet durch das Kambium, die Faulstelle zum neu gebildeten Holz (Jahrring) abschotten kann.  

Aufgrund Shigos Forschungsarbeiten über die Wundreaktion bei Bäumen hat sich eine baumbiologisch begründete Baumpflege durchgesetzt.  Je nach Baumart und Art und Größe der Verletzung   - letztendlich ist jede baumpflegerische Schnittmaßnahme eine Verletzung - kann dieser oft jahrelang währender Kampf zwischen dem holzzerstörenden Schaderreger und dem Versuch  des Baumes durch Abschottung der Faulstelle einzukapseln, an spezifischen Ausprägungen von Reaktionszonen (Reaktionsholz)  abgelesen werden.  

Um die „Körpersprache“ (das Reaktionsholz) der Bäume sicher lesen und im Hinblick auf die Stand- und Bruchsicherheit beurteilen zu können bedarf es tiefer Kenntnisse über baumphysiologischer Wirkmechanismen und baumartenspezifische Besonderheiten mit einem regelmäßigen Abgleich von Beobachtungen am Erfahrungsobjekt Baum.  

Text: Dirk Binnewies Dipl.-Forstwirt/ Bild: AdobeStock

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