Die Zukunft des Ruhrgebiets ist Grün

IGA-Chef Fischer: Wir werden fast alle IGA-Projekte realisieren– Kufen: Es gibt viele Gartenzäune im Ruhrgebiet – Dudda: Nicht die Verluste beklagen, sondern an Zukunft arbeiten – Prof. Druyen: Veränderung ist Normalität

Der Blick von der Kohlenwäsche der Zeche Zollverein aus 45 Meter Höhe gleicht schon heute dem auf eine Parklandschaft. Und doch muss das Ruhrgebiet grüner werden und Lebensqualität gewinnen, wo noch alte Industriebrachen darauf warten, entwickelt zu werden.

Die Verwandlung des Ruhrgebietes in einen lebenswerten Kulturraum war das Thema der KNAPPMANN Vortragsreihe Anfang Juni auf Zollverein.

Das Publikum der KNAPPMANN Vortragsreihe sitz in Parlamentsbestuhlung mit konzentriertem Blick auf die Bühne.

Perspektiven Metropole Ruhr – Thomas Kufen | Oberbürgermeister der Stadt Essen

Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen bedankte sich bei der Familie Knappmann, dass sie mit dem alle zwei Jahre stattfindenden Kongress einen wichtigen Akzent setzt. „Es reicht nicht, alte Industrieregionen grün zu machen“, so Kufen zur Begrüßung der rund 150 Gäste, vor allem Unternehmer, Verbandsvertreter und Politiker aus dem Ruhrgebiet. Das Ruhrgebiet müsse blaue und grüne Themen verbinden.

An die 53 Ruhrstädte appellierte Kufen, an einem Strang zu ziehen. Das geschehe aber noch nicht. „Es gibt immer noch viele Gartenzäune im Ruhrgebiet. Aber die Herausforderungen machen nicht an den Stadtgrenzen halt.“ Zugleich machte sich Kufen dafür stark, dass das Ruhrgebiet eine Industrieregion bleibt. So steige der Energiebedarf durch die Elektromobilität, das Heizen mit Wärmepumpe, durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz weiter an. „Die großen Rechenzentren verändern alles. Energie ist ein Treiber für unsere Wirtschaft.“

Auch Stahl müsse ein Kernbereich an der Ruhr bleiben, trotz der Probleme bei ThyssenKrupp. „Stahl wird für unser Land auch in Zukunft eine Rolle spielen. Wir können nicht alles im Ausland einkaufen.“ Aber diese Probleme ließen sich nur gemeinsam lösen. „Wir müssen uns austauschen, damit diese Region ihre besten Tage nicht hinter sich, sondern vor sich hat!“

Oberbürgermeister Thomas Kufen steht hinter dem Rednerpult und hält seinen Vortrag.

Aktuelle Entwicklungen in Freiheit Emscher – Gernot Pahlen | Geschäftsführer Freiheit Emscher Entwicklungsgesellschaft mbH

Gernot Pahlen, Geschäftsführer der Freiheit Emscher Entwicklungsgesellschaft, berichtete aus der Praxis, wie die grüne Umgestaltung auf den Flächen fünf ehemaliger Zechen in Bottrop und Essen gelingen kann. Zum einen leben dort 32.000 Einwohner, deren Umgebung aufgewertet werden soll. Zugleich sollen die Brachen entwickelt werden und städtebauliche Akzente setzen. Vor allem neue Arbeitsplätze will die Entwicklungsgesellschaft schaffen, verbunden mit einer gleichzeitigen Steigerung der Lebensqualität. Dabei spielt nicht nur Durchgrünung eine große Rolle, sondern auch Wasser, etwa das Hafenbecken. „Flächen, die neue Wege zum und am Wasser ermöglichen, sind besonders begehrt“, so Pahlen. Aktuell läuft die Ausschreibung der Flächen, die bis April 2026 verkauft sein sollen. Schon mit den ersten Angeboten und Nutzungskonzepten ist Pahlen sehr zufrieden.

Wie ungewöhnlich und zugleich erfolgreich manche Ideen sind, zeigt die geplante Ansiedlung des Reallabors Campus Wertwasser – direkt neben der Groß-Kläranlage in Bottrop. Sie ist eine der größten Kläranlagen Europas und hat mit ihrer Kapazität erst ermöglicht, den Abwasserkanal Emscher wieder in einen gesunden Fluss zu verwandeln. Das Wasser der Kläranlage bietet aber als Wertwasser noch viele Nutzungsmöglichkeiten, etwa zur Energiegewinnung.

Auch die Klärschlämme sind ein wertvoller Rohstoff. Die Verwertungsmöglichkeiten können die Forscher künftig direkt vor Ort erforschen und anwenden.

Gernot Pahlen spricht auf der KNAPPMANN Vortragsreihe vor dem Publikum.

IGA 2027: Auf dem Weg zur grünsten Industrieregion der Welt – Horst Fischer | Geschäftsführer IGA 2027 Ruhrgebiet

Horst Fischer, Chef der Internationalen Garten-Ausstellung IGA 2027 im Ruhrgebiet, gab den Besuchern einen aktuellen Überblick der Planungen und Projekte. Nach den finanziellen Engpässen habe die Finanzspritze von 12 Millionen Euro durch das Land NRW möglich gemacht, dass man fast alle Projekte realisieren kann. Allerdings habe man Einsparungen vornehmen müssen. „Aufgrund der stark gestiegenen Inflation mussten wir die Projekte komprimieren. Das war sehr bitter“, so Fischer. Nicht realisiert werden aus Kosten- und Zeitgründen die Projekte am Datteln-Hamm-Kanal in Bergkamen. Auch einige Gärtenprojekte würden nicht realisiert.

Die IGA nennt Fischer eine große Chance für das Ruhrgebiet. Man erwarte rund 2,6 Millionen zahlende Besucher. „Wir wollen das ganze Ruhrgebiet mitnehmen.“

Es müsse darum gehen, dass die Besucher nicht nur die drei Großstandorte Duisburg, Gelsenkirchen und Dortmund besuchen, sondern auch die vielen anderen Projekte und Gärten in den anderen Städten.

Horst Fischer spricht auf der KNAPPMANN Vortragsreihe vor dem Publikum.

Entwicklung der Duisburger Zukunftsquartiere – Stefan Christochowitz | Projektleiter GEBAG Flächenentwicklungsgesellschaft mbH

Als Mutmacher betätigte sich schließlich Stefan Christochowitz, Projektleiter Flächenentwicklung beim Wohnungsbaukonzern Gebag in Duisburg. Das kommunale Unternehmen war in den vergangenen Monaten in die Schlagzeilen geraten, weil es als Folge der zahlreichen Krisen eine Neubewertung seiner Entwicklungsflächen vornehmen musste. Bei den Ausschreibungen hatte die Gebag deutlich niedrigere Verkaufserlöse erzielt, auch die Nachfrage war geringer als erwartet.

Aktuell ziehe die Nachfrage aber wieder an, so Christochowitz. Besonders die angebotenen Flächen im Duisburger Süden mit Nähe zu Wasser und Düsseldorf, seien gefragt. Das gilt besonders für die Vorzeigeprojekte „6-Seen-Wedau“ und „Duisburger Dünen“, die beide auf Industriebrachen entwickelt werden und die Attraktivität Duisburgs enorm steigern werden. Das Bauprojekt in Wedau ist schon weit entwickelt und erfreut sich weiter hoher Nachfrage, so Christochowitz.

Das Dünenprojekt soll eine Stadt der kurzen Wege werden, mit wenig Autoverkehr, ein Mischgebiet mit Arbeitsplätzen und Wohnbereichen. Die „Duisburger Dünen“ sollen von einer Seilbahn erschlossen werden und wären dadurch direkt mit dem Duisburger Hauptbahnhof verbunden.

Stefan Christochowitz spricht auf der KNAPPMANN Vortragsreihe.

Neueste Entwicklungen zur Urbane 34 und der weiteren Entwicklung des Ruhrgebiets – Dr. Frank Dudda | Oberbürgermeister der Stadt Herne und Vorsitzender der Verbandsversammlung des Regionalverbands Ruhr

Nach der Mittagspause war es RVR-Verbandschef Frank Dudda, aus dessen Kritik am üppig mit 14,8 Milliarden Euro ausgestatteten Förderprogramm für die Bewältigung des Strukturwandels im Rheinischen Revier auch Anerkennung sprach. Denn den Rheinländern ist es gelungen, erhebliche Mittel für den Strukturwandel zu gewinnen, die in der Höhe dem Ruhrgebiet nicht zur Verfügung stehen, obwohl das Revier nach dem Verlust der Kohle nun auch den Stahl verliere. „Wir werden lautlos betuppt. Aber das können wir nicht akzeptieren“, kritisierte Dudda, zudem Oberbürgermeister von Herne.

Zugleich müsse sich das Ruhrgebiet aber auch mehr anstrengen. „Wir sollten aufhören, nur die Verluste zu beklagen“, so Dudda. Das Ziel, die grünste Industrieregion der Welt zu werden, biete den Unternehmen an Ruhr und Emscher die Chance, grüne Technologien für die Regionen in der Welt zu entwickeln, die schon heute unter dem Klimawandel leiden. „Wir müssen uns anschauen, was in heißen Regionen der Welt nicht funktioniert, das sind dann unsere Entwicklungsaufgaben.“

Zugleich kritisierte Dudda eine gewisse Meckerkultur im Ruhrgebiet. „Der Wandel des Ruhrgebietes findet statt. Überall gibt es Baustellen, die Straßen und Brücken werden saniert, Glasfaser und Fernwärme werden verlegt. Wir bauen an der Zukunft des Ruhrgebiets.“ Und trotzdem werde genau darüber geschimpft.

Dr. Frank Dudda spricht auf der KNAPPMANN Vortragsreihe. Im Hintergrund ist  seine Präsentation über die Programmpunkte der URBANE zu sehen.

Chancen sich gut zu präsentieren, böten zahlreiche kommende Großveranstaltungen. „In nächster Zeit schaut die Welt auf uns“, so Dudda und nannte die World University Games im Juli 2025 im Ruhrgebiet, die Manifesta 16 Ruhr 2026, eine Kulturbiennale mit bis zu 300.000 Besuchern, und schließlich die IGA 2027. „Die spannendste Veranstaltung ist die IGA, die 2,6 Millionen Menschen ins Ruhrgebiet holt. Es kommt darauf an, dass wir diese Menschen in die Fläche bringen.“

Das zukünftige Bewusstsein der Bewohnerinnen und Bewohner von Metropolen – Prof. Dr. Thomas Druyen | Soziologe und Zukunftswissenschaftler

Dem in Wien lehrenden Soziologen und Zukunftswissenschaftler Prof. Thomas Druyen  war es vorbehalten, einen launischen und querdenkenden Schlusspunkt zu setzen. Er stromerte gedanklich entlang der aktuellen Krisenherde, kommentierte aktuelle technische Entwicklungen, um dann dem Ruhrgebiet vor allem zu Selbstbewusstsein und Mut zu raten. „Das Ruhrgebiet ist eine Metropole, die schon eine Transformation relativ erfolgreich hinter sich gebracht hat.“ Daraus könne man Kraft schöpfen. „Metropolen sind die Treiber der Entwicklung.“

Deshalb solle auch das Ruhrgebiet offen für Veränderungen sein. „Veränderung ist die größte Normalität der Welt“, so Prof. Druyen. Der Soziologie erinnerte an den Buchdruck, der das Wissen der Welt plötzlich allen zugänglich gemacht hat. An das Teleskop, das Galileo die Entdeckung ermöglichte, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt. Telegraph, Glühbirne, Telefon, Auto … Druyen: „Wir sollten Veränderungen annehmen.“ Der Applaus war ihm sicher.

Laura Knappmann und Prof. Dr. Druyen schauen in die Kamera. Druyen hält den - als Dank für die Vortragsreihe überreichten - Klimabaum in der Hand.

Ein Tag voller Eindrücke – Der Rückblick in Bildern und Gedanken

Wie war die Stimmung? Was hat den Tag besonders gemacht? Während die Pressemitteilung Fakten, Stimmen und Inhalte zusammenfasst, erzählt unser Blogbeitrag zur KNAPPMANN Vortragsreihe 2025 die emotionale Seite der Veranstaltung – mit Impressionen, Bildern, Video und einem Blick auf das, was bleibt.


Mehr Beiträge aus der Kategorie:

Grüne quadratische Grafik mit weißem Text: ‚Wissensaustausch – Veranstaltungen, die Ideen verbinden und wachsen lassen‘